Valentin Inzko o vlogi Visokega predstavnika v Bosni
Valentin Inzko wirkte bis 2021 in SarajewoHelmuth Weichselbraun
Interview
„In Deutschland blieben die Alliierten 49 Jahre“
Valentin Inzko, der frühere Hohe Beauftragte für Bosnien, warnt vor einem Ende der internationalen Schirmherrschaft.
Herr Inzko, überrascht Sie der Rücktritt Ihres Nachfolgers Christian Schmidt?
Valentin Inzko: Ja und nein. Ich habe ihn noch vor wenigen Tagen in Berlin getroffen. Da hat er zwar erzählt, dass es Druck auf ihn gebe, er aber die Absicht habe, noch einige Reformvorhaben durchzuziehen.
Woran ist er gescheitert?
Die Frankfurter Allgemeinen Zeitung schreibt, dass er „Geschäftsinteressen der Familie des US-Präsidenten Donald Trump“ im Wege stand. Sein größter Widersacher, der Serbenführer Milorad Dodik, hat Verbindungen zum Umfeld des US-Präsidenten geknüpft. Konkret spricht die FAZ von einem Flüssiggas-Terminal und von einer Gas-Pipeline von Kroatien nach Bosnien, die von einem relativ unbekannten „Trump-nahen Unternehmen“ geführt werden soll. Diesen Plänen soll sich Schmidt widersetzt haben.
Hat er nicht auch seine Möglichkeiten überschätzt?
Wir alle haben unsere Möglichkeiten überschätzt. Aber das geopolitische Umfeld hat sich auch geändert. Als es nach dem Ende des Krieges 1995 in Bosnien eine 60.000 Mann starke Friedenstruppe gab, war es für den Hohen Repräsentanten leichter, zu agieren. Der Brite Lord Ashdown hat einmal an einem Tag 59 Politiker ihres Amtes enthoben. Das ist heute nicht mehr möglich.
Auch Sie selbst wirkten am Ende müde. Was hat Sie erschöpft?
Ich war nie müde, die Menschen Bosniens zu bewundern, ihre Talente und ihre Würde. Müde wurde ich, wenn ich beim UN-Sicherheitsrat erschienen bin und einige Delegierte nur ihre vorbereiteten Reden verlesen haben. Ich hatte 25 Auftritte vor diesem höchsten Gremium der Uno. Eine echte Debatte gab es selten. Das zermürbt.
Was sehen Sie als das größte Problem Bosniens?
Einige Verführer führen den Krieg mit politischen Mitteln weiter. Für sie sind die Kriegsziele, allen voran eine selbstständige Republika Srpska außerhalb von Bosnien-Herzegowina, gleich geblieben.
War das Abkommen von Dayton 1995 vielleicht nur gut, um den Krieg zu beenden, aber untauglich, um einen funktionierenden Staat aufzubauen?
Mit gutem Willen wäre auch dieser Vertrag tauglich, ein Wunder zu schaffen. Uns ist es als internationaler Gemeinschaft immerhin gelungen, aus drei Armeen eine einzige zu machen, aus einem Autokennzeichensalat eine einzige Nummerntafel, aus drei Fußballligen eine, dann gemeinsame Pässe, eine neue Staatsfahne usw. Da gab es aber noch kooperationswillige Politiker.
Ihr Vorgänger Wolfgang Petritsch meint, das Amt des Hohen Repräsentanten habe sich überlebt. Hat er recht?
Da bin ich anderer Meinung. Seine Einschätzung ist nicht ergebnisorientiert. In Österreich hatten wir nach nur zehn Jahren eine gut etablierte Demokratie, eine funktionierende Justiz und Medienfreiheit. Und am Ende den Staatsvertrag. Andererseits gibt es auf Zypern, also in der EU, seit über 60 Jahren Friedenstruppen, in Japan sind die USA seit 80 Jahren präsent. Auch in Deutschland blieben die Alliierten 49 Jahre. Ich sehe die 30 Jahre in Bosnien als eine günstige Investition in den Frieden in unserer unmittelbaren Nachbarschaft. Sollte es zu einer stabilen Situation ohne separatistische Tendenzen kommen, oder eines Tages gar zu einer EU-Mitgliedschaft, wird sich die internationale Gemeinschaft gerne zurückziehen. Paradoxerweise verlängert der Separatistenführer Dodik mit seiner Politik das Amt des Hohen Repräsentanten, obwohl er behauptet, dagegen zu kämpfen.
Würde Bosnien mit Ende der Schirmherrschaft zerfallen?
Diese Gefahr besteht. Dodik versteckt seine Absichten nicht. Erst dieser Tage war er bei der Siegesparade in Moskau. Zum Glück haben wir noch EUFOR-Truppen im Land stehen. Die Folge eines Zerfalls möchte ich mir gar nicht ausmalen. Die Mehrheit der Bevölkerung will Frieden. Es gibt viele kleine Mandelas in Bosnien.Stefan Winkler